Geschichte der Sauerkrautkonferenz

Seit 109 Jahren (Stand: Dezember 2013) findet die SAUERKRAUTKONFERENZ der Lehrer auf den VIERSTÖCK statt.

An jedem 27.12. (dem 3. Weihnachtsfeiertag) findet im Gasthaus zu den VIERSTÖCK die SAUERKRAUTKONFERENZ der Lehrer statt. Urkundlich sind dieser Termin und das Ereignis in einem Gästebuch der Gastwirts-Familie Weber-Selig dokumentiert. Das im Verlauf der Zeit doch stark mitgenommene Gästebuch ließ Kollege Kurt Friedrich bei der Buch­binderei Kaffenberger in Brensbach mit Genehmigung der Wirtsleute neu binden. Darin ist unter dem Datum des 27.12.1929 neben zahlreichen Namen von Hausgästen aus der näheren und weiteren Umgebung (Bensheim, Hanau, Darmstadt) die Bemerkung zu lesen, dass heute das 25-jährige Jubiläum einer Lehrerkonferenz zu feiern sei. Dabei stehen die Unterschriften von mehreren Lehrern. Sehr interessant ist die Eintragung einer Frau Oberkommerzienrat mit Tochter aus Hanau. Sie bedankt sich überschwänglich für die erholsamen und köstlichen Urlaubstage. Das Gasthaus war also zu dieser Zeit schon ein weithin bekannter und beliebter Herbergsplatz. Zur Jubiläumskonferenz am 27.12.2004 hatte der Reichelsheimer Bürgermeister Gerd Lode Auszüge aus alten Zeitungen und Archiven mitgebracht und konnte so die historischen Hintergründe des Gasthauses und des 27.12. beleuchten. Die VIERSTÖCK gehören zu seinem Verwaltungsbereich.

Das Gasthaus kann auf eine sehr alte Tradition verweisen. Die Betreiber einer LANDWIRTSCHAFT BEI DEN VIERSTÖCK stellte den Bergleuten des nahe gelegenen Bergwerks und der Tongrube eine überdachte und rundum geschlossene Frühstücksbaude zur Verfügung. In späteren Jahren diente das Anwesen als Jause Station für Fuhrleute und Pferde, die vom Mümlingtal durch das Gersprenztal bis an die Bergstraße und auch umgekehrt unterwegs waren. Der Name VIER STÖCK stammt von 4 Holzstöcken (Pfählen), die als Wegweiser Wanderern und Fuhrleuten zur Orientierung dienten. Auf einem alten Zeitungsausschnitt waren diese Wegstöcke abgebildet. Mitte des 19. Jahrhunderts erhielten die Wirtsleute die Erlaubnis, den Bergleuten, Tonarbeitern und den Fuhrleuten Schnaps auszuschenken. Als die Nibelungenstraße ihre Teerdecke (SCHWARZDECKE) erhielt, stand das Lokal auch einer breiteren Bevölkerungsschicht zur Verfügung. Eine Omnibuslinie von Bensheim über Michelstadt bis Amorbach machte dies möglich. Aus einer einfachen Gastwirtschaft wurde ein Hotel mit weithin bekannter Speisekarte. Der Umsicht und Toleranz der Wirtsleute ist es zu verdanken, dass die Sauerkrautkonferenz ihren festen Platz im Kalender hat. Fällt der 27.12. auf einen Tag, an dem das Lokal normalerweise geschlossen ist, halten sie ihr Lokal trotzdem offen. Das war z.B. 2004 der Fall. Auch zu dem Termin 27.12. konnte Bürgermeister Gerd Lode Auskunft geben. Der 3. Weihnachtsfeiertag war in dieser Region der WANDERTAG. An diesem Tag endete für das Gesinde die Anstellung. Das bestehende Arbeitsverhältnis konnte von beiden Seiten gekündigt werden, oder es bestand für ein Jahr weiter. Auf den Vier Stöck trafen sich dann Mümlingtaler mit Gersprenztalern. Kenntnisse über Arbeitsplätze und -verhältnisse wurden ausgetauscht. Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lehrer ja Gemeindebedienstete, gehörten vermutlich auch zu den WANDERERN, die auf den Vier Stöck Halt machten).

Dass am 27.12. Rippchen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei als Speise bevorzugt wurde und noch wird, lag vermutlich mit am Verzehr der vielen Süßigkeiten zur Weihnachtszeit. In Mittelhessen ersetzt Erbsbrei den Kartoffelbrei. Ein weiterer Grund mag die in Hessen weit verbreitete Sitte sein, in der Silvesternacht Sauerkraut zu essen, damit das Geld im nächsten Jahr nicht ausgeht. Je länger die Krautfäden waren, desto länger war Geld im Haus. Kraut war neben Bohnen das überwiegende Gemüse im Winter. Beides wurde im eigenen Garten gezogen und konnte auf einfache Art haltbar gemacht werden. Das tönerne Kraut- oder das Bohnenfass dürfte manchem heute noch in Erinnerung sein. Selbst die Technik des Einkochens und Kon­servierens konnten Kraut- und Bohnenfass nicht verdrängen. Erst die Gefriertruhe verdrängte die beiden nicht immer wohlriechenden Gefäße aus den Haushalten.

Dass diese Sauerkrautkonferenz nicht in Vergessenheit geriet, ist Reichelsheimer Kollegen zu verdanken. Sie wussten vermutlich vom Hören-Sagen davon und luden benachbarte Schulen dazu ein. Die Namen der Personen, die am 27.12.1929 unterschrieben haben, stammen ausschließlich von Reichelsheimer Kollegen. In den fünfziger Jahren übernahmen die Schulleiter von Reichelsheim, Groß Bieberau und Reinheim abwechselnd die Einladung. Sie wohnten aufgrund der bestehenden Residenzpflicht am Dienstort, waren folglich mit den örtlichen Sitten vertraut und konnten aufgrund ihrer Stellung ihre Kollegien auf die Konferenz auf­merksam machen. Anfang der Sechziger Jahre ging die Teilnehmerzahl rapide zurück. Der Reinheimer Schulleiter Rektor Karl Wagner versuchte, die Veranstaltung zu beleben und schloss die GEW mit ein. Er war gebürtiger Odenwälder und Vorsitzender des GEW Orts­verbandes Reinheim und erhoffte sich dadurch einen vermehrten Besuch der Sauerkrautkonferenz. Seine Idee war es auch, das Gästebuch mit einem sich reimenden Text zu versehen, der dann mit der Melodie des Liedes UND JETZT GANG 1 AN PETERS BRÜNNELE, TRINK ABER NET gesungen wurde. Wer zum ersten Mal bei der Konferenz erschien, wurde dazu verdonnert, einen entsprechenden Reim zu schmieden. Die Bilder von diesen Konferenzen stammen fast ausschließlich von Kollegin Waltraud Voigt, die sich in letzter Zeit auch vermehrt als Dichterin oder Helferin der Dichtenden betätigt. Als der jetzige Vorsitzende des GEW Kreisverbandes Dieburg, Arno Grieger, zum ersten Mal da war, ereilte auch ihn dieses Schicksal. Da er als Kreisvorsitzender über überörtliche Kontakte verfügt, wurde er gebeten, die Organisation der Sauerkrautkonferenz zu übernehmen, was er auch tat. Er nimmt sein Amt als Gastgeber sehr ernst. Der GEW Kreisverband Dieburg übernimmt die Kosten für das Mittagessen, wofür wir recht herzlich danken. Kollege Grieger brachte es sogar fertig, dass Kollegen aus Reichelsheim und dem Odenwaldkreis zu der Konferenz erschienen. Durch diese Kontakte wurde auch der Reichelsheimer Bürgermeister Gerd Lode auf die Konferenz aufmerksam, der von da an regelmäßiger Gast und Teilnehmer ist. Wer aber nun glaubt, an diesem 27. 12. an einer ordentlichen Gewerkschaftstagung teilzunehmen, wird bitter enttäuscht. Wenn er Glück hat, werden aktuelle gewerkschaftliche Themen genannt aber nicht diskutiert. Hier steht die Geselligkeit im Vordergrund. Jede Kollegin oder Kollege ist herz­lich willkommen, ob sie einem Lehrerverband angehören oder nicht. Es ist zu wünschen, dass die Sauerkrautkonferenz an den Schulen des Gersprenz- und Mümlingtals durch Mundpropaganda bekannt gemacht wird und als gesellschaftliches Ereignis bestehen bleiben kann, selbst wenn die GEW das Essen nicht bezahlt.

Da in den fünfziger Jahren kaum ein Lehrer ein Auto besaß, fuhren die Kollegen aus dem Kreis Dieburg mit dem Lieschen bis Gersprenz und stiegen am Gasthaus zum Reichenberg aus. Die Kollegen aus Fränkisch Krumbach und einige von Groß Zimmern, Ueberau oder Lengfeld kamen zu Fuß und gingen dann auch wieder nach Hause. Im Reichenberg wurde zum Schinkenbrot als Verdauungshilfe ein Schnaps genommen. Auf der B 47 ging es dann Richtung Michelstadt. Auf der Nutzwiese hingen im Schankraum ergraute Windeln zum Trocknen auf Leinen. Mit einem Schnaps wurde das Bierglas gereinigt. Das war oft nötig und erlaubte es, dass man sein Glas an einen anderen weiterreichte, weil nicht genügend Gläser vorhanden waren. Das Ziel des Fußmarsches waren die VIERSTÖCK. Dort entschädigte eine HELGOLÄNDER PLATTE die Mühen des Weges. Das Mittagsmahl mit Rippchen, Kartoffelbrei und Sauerkraut war obligatorisch. Um die Verdauung anzukurbeln, wurde zum Weißen Stein gewandert. Zur Kaffeezeit gab es hausgebackenen Kuchen. Der Heimweg führte je nach Witterung und Kondition über Stierbach zum Singenden Wirt, -heute Gasthaus zum Hohenstein-, nach Fränkisch Krumbach zum Bächeitel oder zum Dicken Schorsch, von dort in die POST, ein Gasthaus in Brensbach, bis in die SPITZE in Reinheim. Manche Wanderer waren drei Tage lang verschollen. Den Jahreswechsel konnten sie aber wieder zu Hause feiern, sonst hätte wahrscheinlich der Haussegen sehr schief gehangen.

Der Wandertag hat vermutlich seinen Ursprung in der Zeit der Zünfte. Ein Lehrling musste nach Beendigung seiner Lehre eine dreijährige Wanderzeit vorweisen, bevor er sich als selbständiger Geschäftsmann niederlassen durfte. HANS IM GLÜCK ???

Der Wandertag war nicht nur regionübergreifend bekannt, sondern muss auch in vielen Berufsständen üblich gewesen sein. Laut Gästebuch der Vier Stöck trafen sich auch die Lehrer als Wanderer auf den Vier Stöck. Dort ist zu lesen, dass die Lehrer ihr 25. Treffen feierten. Vermutlich waren sie Angestellte und nicht Beamte. Auch sie waren Wanderer und trafen auf den Vier Stöck auf Berufskollegen.

Mir persönlich ist der 3. Feiertag als Wandertag noch gut in Erinnerung. Als junger APL Lehrer waren von 1951 bis 1955 die Orte Bobenhausen 2, Wohnfeld und Sellnrod meine Dienstorte. Es galt noch die Residenzpflicht. Der Lehrer hatte in dem Ort zu wohnen, in dem er tätig war. In dieser bäuerlich geprägten Gegend war es üblich, dass Mädchen des 8. Schuljahres nachmittags als Kindermädchen tätig waren. Sie erhielten monatlich 5 Mark und nahmen gelegentlich am Kaffeetisch oder Abendessen teil. Auch wir hatten für unseren ersten Sohn ein Kindermädchen. Dessen Mutter kam nach Weihnachten und fragte, ob ihre Tochter auch weiterhin unser Kindermädchen sein dürfte. Sie muss wohl unser Erstaunen bemerkt haben und erklärte uns, dass am 3. Feiertag dem Gesinde gesagt wurde, ob das Dienstververhältnis bestehen blieb oder endete. Sie sei als junges Mädchen Magd bei einem Bauern gewesen, und ihr wurde immer am 3. Feiertag mitgeteilt, dass sie bleiben könne, oder ob sie woanders arbeiten wolle. Die Frau war um die 40 Jahre alt. Ihre Aussage wäre folglich so um 1910 zu datieren. Im Gästebuch der Vier Stöck sind die Jahre 1929 minus 25 = 1904 genannt was sich in etwa zeitlich nahe kommt.

Quellen:

Zusammenfassung von Karlheinz Schmidt

Originaltext von Wilfried Biedenkapp